Orte der Erinnerung

Das Projekt des Fördervereins Erinnerungsorte Kinderheim Köln-Sülz e.V. (FEKS)

Gründung des Fördervereins 2013
Im Sommer 2013 wurde der Neubau von KidS, der städtischen Einrichtung zur Aufnahme und Betreuung Kölner Kinder und Jugendlicher, am Aachener Weiher eröffnet. Bei diesem Anlass trafen sich ehemalige Heimbewohner und deren Betreuer zum ersten Mal mit Bewohnern des auf dem Gelände des alten Kinderheims entstehenden neuen Wohnquartiers. Es folgten weitere Treffen, in denen die Neubewohner die tiefe Betroffenheit der ehemaligen Heimbewohner erfuhren, die mit dem Abriss des großen Kinderheimkomplexes in Sülz Orte, Gegenstände und Bezugspunkte ihrer meist nicht einfachen Kindheit verloren hatten.

Unter Ermutigung von KidS beschlossen Alt- und Neubürger am Sülzgürtel im Herbst 2013, sich gemeinsam in einem Förderverein für das Entstehen von Orten der Erinnerung an das Kinderheim Köln-Sülz einzusetzen. Im Jahr 2014 wurde der Förderverein vom Finanzamt Köln als gemeinnützig anerkannt; Grundlage dafür ist seine satzungsgemäße Zielsetzung, Kunst und Kultur im Stadtbereich von Köln-Sülz „durch Konzipierung und Herstellung von Erinnerungsorten bzw. Denkmalen zu fördern, die an die ehemalige Kinderheim-Anlage in Köln-Sülz und ihre stadtkulturelle Bedeutung erinnern“. Denn der ab 1917 in Betrieb genommene riesige Kinderheimkomplex war eine bedeutende Stadtentwicklungsmaßnahme für Sülz-Klettenberg mit vielfältigen Außenbeziehungen. Das Projekt des FEKS soll daran erinnern und den ehemaligen Heimbewohnern einen Ort geben, an dem sie zu ihren Wurzeln zurückkehren können.

Bereits vor der Gründung des FEKS hatten ehemalige Heimbewohner in 2009 ein Diskussionsforum im Internet eröffnet, um sich über ihre Zeit und ihre Erlebnisse im Kinderheim auszutauschen. Das Forum wurde im Laufe der Zeit von Ehemaligen zu “Digitalen Erinnerungsorten” für Ehemalige und alle an der Kinderheimgeschichte interessierte Kölner weiterentwickelt.

Das Projekt Erinnerungsorte
Der Förderverein beteiligte von Beginn an Neubürger, alteingesessene Sülzer Bürger, engagierte Menschen aus anderen Bereichen und ehemalige Kinderheimbewohner/innen an der Projektarbeit zur Realisierung der Erinnerungsorte. Einige der „Ehemaligen“, die sich an den Diskussionen zur Schaffung der Erinnerungsorte beteiligt haben, waren deutlich traumatisiert und näherten sich sehr vorsichtig der Idee der Erinnerungsorte. Für andere „Ehemalige“ bedeutete ihr Aufwachsen im Kinderheim Schutz vor weit ungünstigeren (häuslichen) Erfahrungen, und die Chance zum Heranwachsen mit Erfahrungen von Gruppenleben, Schule und Ausbildung.

Die Ambivalenz der Erfahrungen sind in einem Graffiti dokumentiert, das einer der Ehemaligen kurz vor dem Abriss des Ursula Hauses im Jahr 2010 an die Außenwand des Gebäudes sprühte: „1914 – 2009. Segen und Fluch. Meinen Dank den Aufrichtigen, den Schützenden und den Liebenden! Den anderen das Jüngste Gericht und die Gnade der Gedemütigten und Zerbrochenen. Für uns selbst Mut und Frieden.“

Dieser Spruch bewegte viele Neubewohner bereits seit der Bauphase der Neubauten. Der Satz ist eine wesentliche Grundlage für die Motivation und Aktivitäten des Fördervereins. Die Neubewohner fühlten sich gegenüber den Ehemaligen und dem Stadtbezirk verpflichtet, das Erinnern und Bewahren auch inmitten der Neubaustrukturen zu organisieren und sichtbar zu machen.

Bremer Stadtmusikanten“ im Jahr 2006 (Foto: Monika Huth)

Aus dem Abriss heraus stellten sie „Fundstücke“ aus dem alten Kinderheim sicher, die zur Gestaltung der Erinnerungsorte beitragen sollen. Ein Fundstück ist die Bron-zeskulptur “Bremer Stadtmusikanten” des Bildhauers Fritz Bernuth (1904 – 1979). Die Figur wurde aus den Abriss- und Erdarbeiten gerettet. Sie wird 2020 auf dem Gelände zwischen Sülzgürtel und Kinderheimkirche wieder aufgestellt.

Semesterprojekt der Alanus Hochschule für Kunst und Gestaltung im ehemaligen Kinderheim ab Frühjahr 2015
Vereinsintern wurde bald klar, dass die große Bereitschaft der Mitglieder nicht das fehlende Fachwissen zur Entwicklung von Kunstprojekten im öffentlichen Raum ersetzen kann. Deshalb suchte der Verein mit Unterstützung der Bezirksvertretung Lindenthal und der Wohnungsgenossenschaft Köln-Sülz eG nach Partnern für Inspiration und Kooperation. Im Frühjahr 2015 konnte die Alanus Hochschule für Kunst und Gestaltung für ein interdisziplinäres Semesterprojekt gewonnen werden. In mehreren Workshops und Treffen im April/Mai 2015 kam es zu vielen Gesprächen über Vergangenheit und aktuelles Verarbeiten des Erlebten, vor allem mit ehemaligen Heimbewohnern und Mitarbeitern des Kinderheims. Besonders erfreulich war, dass die Studenten dafür ein altes Kinderheimgebäude und das alte Verwaltungsgebäude für die Erarbeitung ihrer Projektideen nutzten konnten.

Die Berichte von Heimbewohnern nahmen den Verein mit bis in die Zeit des letzten Weltkrieges, der zeitweisen Auslagerung der Heimbewohner, und in die Kontroversen um frühere Erziehungspraktiken im Heim. Die Wucht der Erinnerungsberichte haben die Studenten und ihre Lehrer stark beeindruckt. Dieses Semesterprojekt mündete in eine Ausstellung im Juni 2015 mit über 50 Exponaten, die auch dokumentiert wurde. Die Ideen und Arbeiten der Alanus-Studenten gaben dem FEKS und der Bezirksvertretung Lindenthal neuen Mut zur Weiterverfolgung des Projekts Erinnerungsorte.

Wettbewerb zur Realisierung der “Erinnerungsorte” in 2017
Nach dieser positiven, aber auch „akademischen“ Erfahrung stand für den FEKS fest, dass für die Erarbeitung realisierbarer Konzepte die Mitwirkung von Künstlern und Planern mit Erfahrungen in der Entwicklung, Planung und Kalkulation von Kunstprojekten im öffentlichen Raum benötigt wurde. Nachdem der Verein die dafür erforderlichen Mittel eingeworben hatte, konnte er im September 2016 einen Wettbewerb ausschreiben, den Anja Ohliger und Ulrich Beckefeld, Mitglieder des Künstlernetzwerks „office for subversive architecture“ (‘osa‘), gewannen. Kay von Keitz, freier Kurator und Vorsitzender des Kunstbeirats der Stadt Köln, beriet den FEKS bei diesem Verfahren und konzipierte und begleitete den Einladungswettbewerb mit insgesamt vier eingereichten Entwürfen.

Die Künstler der Gemeinschaft ‚osa‘ überzeugten die Jury mit ihrer Idee von drei großen Findlingen für den zentralen Platz des Neubauquartiers. Entscheidend war für das Gremium u.a.: „Die Platzierung von drei mit Textgravuren versehenen Findlingen – die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen – … entwickelt eine starke skulpturale Kraft und Präsenz, kann aber zugleich als Naturform von großer Selbstverständlichkeit erlebt werden.“ – Mitglieder der Jury waren u.a. Helga Blömer-Frerker, Bezirksbürgermeisterin Köln-Lindenthal, Klaus Grube, ehemaliger Heimbewohner und Mitglied im FEKS, sowie Jürgen Haas, Direktor der Kinder- und Jugendpädagogischen Einrichtung der Stadt Köln (KidS).
Das künstlerische Konzept sah vor, dass die Textgravuren für die Steine unter Beteiligung ehemaliger und heutiger Bewohner in einem gemeinsamen Prozess mit den Künstlern erarbeitet werden. Die „Sülzer Findlinge“ wurden im April 2018 gesetzt und erhielten im Sommer 2019 die Widmungen:

Findling mit der Inschrift – für alle Kinder, die heute hier leben
– für alle Kinder, die früher hier lebten
– für alle Kinder, die heute hier leben
– für alle Kinder, die zukünftig hier leben werden
 
von rechts: Bezirksbürgermeisterin Helga Blömer-Frerker und Peter Halberkann, Vorstand FEKS, verlegen die „Zeitzeugenkapsel“ mit Erinnerungstexten und -Stücken Ehemaliger im Boden.

 

Ankunft der „Sülzer Findlinge“
Am 20. April 2018 konnten Bezirksbürgermeisterin Helga Blömer-Frerker, der Förderverein FEKS e.V., die Künstler der Künstlergemeinschaft ‚osa‘, die Sülzer Nachbarn und Bürger die Ankunft der “Sülzer Findlinge” begrüßen, die aus dem Bayrischen Wald nach Köln verbracht wurden.

Als einer der Vertreter ehemaliger Kinderheimbewohner legte Peter Halberkann, der von 1961 bis 1966 im Heim gelebt hatte, eine verrostete Schere mit der Kopie eines Briefes des früheren Oberstadtdirektors Heinz Mohnen in eine Zeitzeugenkapsel und vergrub sie gemeinsam mit Bezirksbürgermeisterin Helga Blömer-Frerker im Boden, bevor der Stein, der die Vergangenheit symbolisiert, von einem Kran herab gelassen wurde.

In seiner Ansprache bei der Steinlegung erläuterte er den Hintergrund der Aktion: „Die Schere symbolisiert die Gewalt, die ich hier erlebt habe. Eine der Nonnen, die uns unterrichtete, hatte sie immer in der Hand. Eines Abends hackte sie damit aus Wut über meinen Bruder auf sein Buch ein. Glücklicherweise traf sie nicht seine Hand.“ Eine Beschwerde seiner Mutter über den Vorfall wiegelte Heinz Mohnen als Chef der Kölner Verwaltung mit der Beurteilung ab, dass Kinder grundsätzlich nicht glaubwürdig seien.

Monika Huth sprach für die „Ehemaligen“, die eine gute Zeit im Kinderheim in Sülz hatten. Sie erklärte, dass „gut“ für sie bedeutet, dass sie von Menschen umgeben war, die sie beschützten, unterstützten, lenkten und von denen sie sich geliebt fühlte. Monika Huth: „Dieses Heim war mein Zuhause.“


In seiner Ansprache hatte Peter Halberkann für die Ehemaligen auch gefordert, dass der zentrale Platz des alten Kinderheims den Kindern gewidmet wird. Peter Halberkann: „Damit von diesem Platz hier ein positiver und starker Impuls für die Gegenwart und die Zukunft ausgeht, bin ich persönlich dafür, dass dieser Ort „Platz der Kinderrechte“ genannt wird.“

Stolpersteine für Roma- und Sinti-Kinder
Zur „Erinnerungsarbeit“ des FEKS gehört auch die Neuverlegung von drei Stolpersteine für Roma- und Sinti-Kinder, die vom Kinderheim in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurden.

Ilga Grünholz, geboren 1939, wurde nach den Akten der früheren Kriminalpolizeileitstelle Köln vom Kinderheim selbst an die Polizei im Januar 1943 „verraten“. Aus dem Heim heraus wurde der Polizei gemeldet, dass bei ihnen ein „Zigeunerkind“ lebt. Die Deportation erfolgte am 3. März 1943.

Während der Abrissarbeiten hatten Vorstandsmitglieder des FEKS bemerkt, dass die alten Stolpersteine in den Bauarbeiten untergehen würden, und nahmen sie an sich. Der Vorstand erreichte nach Beendigung der Neubauten, dass die Stolpersteine am 26. September 2019 vom Künstler Gunter Demnig neu verlegt wurden.

von links: Dr. Utz Küpper, Vorstand FEKS, und Oberbürgermeisterin Henriette Reker

Die Stadt Köln stellte anerkennend fest, dass es dem Förderverein Erinnerungsorte Kinderheim Köln-Sülz zu verdanken ist, dass die Steine gerettet wurden. Das NS Dokumentationszentrum hat zu den drei Kindern recherchiert und die Steine neu beschriften lassen. Die Patenschaft für die neuen Steine hat die evangelische Kirchengemeinde Sülz-Klettenberg übernommen.

In einer Gedenkstunde mit Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die vom Rom e.V. organisiert wurde, erinnerte Dr. Küpper daran: „Heute gedenken wir besonders der verschleppten und ermordeten Sinti- und Roma-Kinder und der Schuld, die unser Volk und unsere Stadt auf sich geladen haben, indem sie die ihnen anvertrauten Kinder nicht geschützt haben.“ Der Förderverein sei froh, dass er einen Beitrag zur Erhaltung dieses Erinnerungsortes am Kinderheim in Sülz leisten konnte.

Die Aktuelle Entwicklung und ein Blick in die Zukunft
Im Verlauf des Projektes knüpfte der FEKS auch Kontakte zum KinderRechteForum (KRF), einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sich für die Umsetzung der Kinder-rechte in Köln engagiert. Im Herbst 2018 organisierte das KRF in Kooperation mit dem FEKS das erste „Fest der Kinderrechte“ auf dem alten Heimgelände. Im August 2019 folgte hier bereits das zweite Kinderrechtefest. Bei diesem Anlass weihte Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes eine Teilfläche des Geländes als “Platz der Kinderrechte” ein. Seit Ende 2019 hat das KRF seinen Sitz im alten Elisabeth Haus in Sülz.

Nach einem Beschluss der Bezirksvertretung Lindenthal (BV 3) im Jahr 2011 war ein Teil des alten Heimgeländes nach dem ehemaligen Kölner Oberstadtdirektor Prof. Dr. Heinrich Mohnen in „Heinz-Mohnen-Platz“ benannt worden. Ehemalige Kinderheimbewohner und viele der Neubewohner hoffen nun, dass sich für diesen zentralen Quartiersplatz eine angemessenere Bezeichnung mit Bezug zum ehemaligen Kinderheim und unseren Zukunftswünschen für alle Kölner Kinder realisieren lässt.

Unser Dank an die Förderer und Finanziers
Für die „Erinnerungsorte“ konnte der Förderverein zahlreiche Spender und Förderer gewinnen. Den Erfolg des Projektes verdankt der FEKS e.V. der Unterstützung vieler privater Spender, der Förderung durch die Stadtsparkasse Köln/Bonn, der Bezirksvertretung Lindenthal, der Wohnungsgenossenschaft und weiterer Unterstützer. Der Hauptanteil der Förderung kommt auf Vorschlag der Stadt Köln im Rahmen der Regionalen Kulturförderung vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Einen wesentlichen Meilenstein zur Absicherung der Finanzierung hat KidS mit der Veranstaltung der „100Jahrfeier“ beigetragen. Auf der Jubiläumsfeier versprach die Stadt Köln, die noch bestehende Finanzierungslücke zu schließen. Damit konnten die „Erinnerungsorte“ realisiert werden.
Für das Gesamtprojekt „Erinnerungsorte Kinderheim Köln-Sülz“, das wohl in 2020 fertiggestellt und dann von der Stadt Köln übernommen werden kann, wurden Mittel in Höhe von ca. 100.000 Euro benötigt. Der Förderverein dankt allen privaten und öffentlichen Geldgebern, seinen aktiven Mitgliedern, sowie der Bezirks- und Stadtpolitik für die Unterstützung und hofft, dass alle mit dem Ergebnis zufrieden sind.