Geschichte

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Vor über hundert Jahren eröffnete die Stadt Köln mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges eines der damals modernsten und größten Waisenhäuser Europas: Am 8. Mai 1917 bezogen Kinder und Betreuer das Waisenhaus in Köln-Sülz am Sülzgürtel 47.

Haupthaus 1917, Eingang Speisesaal

Das Kinderheim, das wie ein eigenes kleines Dorf in Köln-Sülz lag, wurde 2010 fast vollständig abgerissen. Auf dem Areal entstand ein neues Wohnquartier. An das alte Ortsbild erinnert heute noch die ehemalige Kirche.

In den fast 100 Jahren seines Bestehens lebten mindestens 22.500 Jungen und Mädchen im Kinderheim Köln-Sülz. Es war zeitweise das größte Waisenhaus in Europa. Bis zu 1.000 Kinder konnten dort gemeinsam betreut werden. Für die Pflege und Betreuung, die Führung aller Wirtschafts- und Regiebetriebe sowie die Verwaltung wurden in den Kinderheimen Sülz zeitweise bis zu 375 Personen beschäftigt. Dazu zählten die Ordensschwestern vom armen Kinde Jesus, die von 1912 – 1972 die Betreuung der Kinder übernommen hatten.

Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich die Stadt Köln um Findelkinder und Waisen gekümmert.  Das erste städtische Waisenhaus wurde im Jahre 1341 in Köln in der Hofergasse eröffnet. Vom Jahre 1523 an lässt sich die Geschichte des städtischen Waisenhauses lückenlos verfolgen.

Im Jahr 1908 ernannte die Stadt Köln den Mittelschullehrer Johann Peter Mauel zum Direktor der Wohlfahrtspflege. Er forderte den Bau eines neuen Heims, möglichst draußen im Freien. Vor den Toren der Stadt in Köln-Sülz fand sich ein weites Gelände von 40.000 qm, das die Stadt für diese Neuplanung zur Verfügung stellte.

Ab 1914 wurde in dem Areal das Sülzer Kinderheim errichtet. Es umfasste:

  • Sülzgürtel Richtung Münstereifeler Straße
    Bis zum Abriss/Umbau in 2010 Verwaltungs- und Aufnahmegebäude, die Direktoren- und Arztwohnungen, Haupteingang, Kapelle mit Verbindungsgängen links ins Verwaltungsgebäude und rechts in die Ordensschwesternklausur, Pfarr- und Verwalterwohnungen, Schulgebäude, Sporthalle/Schwimmbad und Arztzimmer
  • Münstereifeler Straße Richtung Neuenhöfer Allee
    Klausur der Ordensschwestern mit Kreuzgang, Mädchenhaus mit Haushaltungsschule, Näherei und Schwesterngarten, Mittelbau mit Großküche, zentralem Speisesaal, Festsaal und Terrasse zum Innengelände, Jungenhaus, Kleinkinderhaus, Gewächshaus, Schuppen, Mistbeete, Wäscherei, Schweinestall und Lehrlingsheim
  • Neuenhöfer Allee Richtung Anton-Antweiler-Straße
    Spielwiese, Obstwiese und Wäschebleichwiese
  • Anton-Antweiler-Straße Richtung Sülzgürtel
    Säuglingshaus und Krankenstation

Das gesamte Gelände war bis auf die Toreingänge vollständig von einer hohen Mauer umgeben.

Die Zeit von 1914 bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges

Zuerst errichtete man ein Aufnahmegebäude für fünf Kindergruppen. Dann erstand das Hauptgebäude, das sich in vier Teile gliederte: das sogenannte Kindergartengebäude mit zwei Gruppen von je 24 Kindern, das Knabenhaus mit vier Gruppen von je 24 Schuljungen und das Mädchenhaus mit vier Gruppen von je 24 Schulmädchen. Der Mittelbau hatte im Erdgeschoß den großen Speisesaal für alle Kinder und darüber in den Obergeschossen Arbeits-, Wohn- und Schlafräume für zwei Gruppen von je 40 Haushaltsschülerinnen.

Danach baute man das Säuglingsheim mit120 Betten, anschließend das Krankenhaus mit 90 Betten für kranke Kinder und zum Abschluss in der Mitte des großen Geländes die Kirche mit dem darunterliegenden Festsaal. Die Kapelle wurde 1923 eingeweiht.  Zu dem Gesamtkomplex gehörten außerdem eine achtklassige Heimschule, eine Turnhalle, ein Schwimmbad, ein Lehrlingsheim, die Wäscherei, die Gärtnerei und ein Schweinestall.

Die Kriegsjahre

1941 begann die kriegsbedingte Evakuierung des Kinderheims. Die Säuglinge kamen ins Schloss Lerbach in Bergisch Gladbach, die Klein- und Schulkinder ins Kloster Steinfeld in der Eifel. Das Kinderheim Köln-Sülz wurde zum Ausweichkrankenhaus mit ca. 500 Betten und zum Hilfskrankenhaus für Zwangsarbeiter.

In den Jahren 1942 und 1943 des Zweiten Weltkrieges wurde das Kinderheim Köln-Sülz zu 90 Prozent zerstört.  Der Kriegsschaden belief sich auf 15 Millionen DM.

Chronik

Der Wiederaufbau ab 1945

Die zum Teil erhalten gebliebenen Gebäude, vor allem das Kranken- und Säuglingshaus und wesentliche Teile des Hauptgebäudes, waren dafür ausschlaggebend, dass man Überlegungen, die Kinderheime an anderer Stelle neu aufzubauen, aufgab und sich zunächst für eine provisorische Instandsetzung des Hauptgebäudes entschloss. 

In den Jahren 1949 – 1955 wurden das Kinderkrankenhaus und das Säuglingsheim wiederhergestellt, sowie das Lehrlingsheim und Aufnahmegebäude neu gebaut.

Die nach Westen gelegenen Hauptgebäude, mit Platz für 240 Kinder, die Hauptküche, die Wäscherei, das Personalhaus mit Hallenschwimmbad und Gymnastikhalle, die Kirche mit dem Festsaal wurden in den Jahren 1955 – 1965 wiederaufgebaut.

Luftaufnahme Kinderheim 1966

Der Wiederaufbau der Hauptgebäude fand in fünf Bauabschnitten statt:

  1. Das ehemalige Mädchenhaus, ab 1960 Hermann-Josef-Haus, enthielt im Keller die Zentralheizungsanlage und verschiedene Werkstätten wie Schlosserei, Schreinerei, Installation und Elektrikerraum. Im Erdgeschoß befand sich die Heimschule, im 1. und 2. Obergeschoß vier abgeschlossene Wohnungen für je 15 Kinder und im 3. Obergeschoß zwei abgeschlossene Wohnungen für die Haushaltungsschülerinnen. Das Gebäude konnte am 8. Mai 1960 bezogen werden.

  2. Am 8. Mai 1961 wurde Haus Ursula eingeweiht, das anstelle des früheren Kindergartengebäudes entstanden war. Es war ein Familienhaus mit sechs abgeschlossenen Wohnungen für je 15 Kinder. Im Erdgeschoß befanden sich drei Kindergärten: ein Heimkindergarten, ein Hilfsschulkindergarten und ein heilpädagogischer Kindergarten.

  3. Haus Elisabeth wurde im November 1961 eingeweiht. Darin befanden sich die Klausurräume für die Ordensschwestern und die Wohnungen für das Personal.

  4. Am 8. Mai 1965 wurde Haus Gereon, das ehemalige Knabenhaus, eingeweiht. Es bestand aus vier Wohnungen für je 15 Kinder.

  5. Haus Mutter Clara, der Mittelbau, erhielt am 18. Oktober 1966 seine kirchliche Segnung. Im Erdgeschoß des Mutter Clara-Hauses befand sich ein Kasino für das Personal und ein Gemeinschaftsraum für kleinere Veranstaltungen, sowie die Schuhmacherei, im 1. Obergeschoß die Weißnäherei und ein Magazin, im 2. Obergeschoß die Kleidernähschule und im 3. Obergeschoß die Wohn- und Klassenräume der Haushaltungsschule.

(Im Wesentlichen entnommen der Festschrift zum 50jährigen Jubiläum)

Die Direktoren des Heims

  • Johann Peter Mauel, 1908 – 1933 – Direktor Mauel schaffte die Anstaltskleidung für Heimkinder ab und führte erste „familienähnliche“ Gruppen ein. Als Mitglied der Zentrumspartei wurde er 1933 als Heimdirektor abgesetzt.

  • Friedrich Tillmann, 1933 – 1945 – Friedrich Tillmann war von 1940 – 1942 Leiter der Zentraldienststelle T4. Die „Aktion T4“ stand für die organisierte Ermordung von mehr als 70.000 psychisch, geistig und körperlich behinderten Menschen.

  • vorübergehend Heimarzt Dr. Franz Zimball und Dr. Büsching, 1945 – 1948

  • Josef Abeln, 1948 – 1971 – Der Einflussbereich des Heimdirektors wurde ab 1970 eingeschränkt. Einen Großteil der Aufgaben übernahm das Jugendamt. Josef Abeln war „nur“ noch Chef der städtischen Kinderheime mit Standorten in Sülz und Brück.

  • Rolando da Costa Gomez, 1972 – 1994 – Begründer der modernen Pädagogik in Sülz. Er forderte, dass Kinder nur kurzfristig in Heimen leben und so schnell wie möglich zurück in die Ursprungsfamilie oder in eine Ersatzfamilie gehen sollten. Als eine seiner ersten Amtshandlungen verbot er in einer Dienstanweisung jegliche Art der körperlichen Züchtigung.

  • Helmut Thelen, 1994 – 2003

  • Maria Kröger, 2003 – 2005

  • Lie Selter, 2005 – 2010

Hausgeistliche und Ordensschwestern

Das Kinderheim Köln-Sülz hatte über lange Jahre einen eigenen Hausgeistlichen. Die Kindergruppen wurden von Ordensschwestern geleitet.

  • Paul Hermesdorf, 1935 – 1958
  • Werner Hilberath, 1958 – 1972
  • Robert Kreuzberg, 1972 – 1981
  • Kongregation der Schwestern vom armen Kinde Jesus, 1912 – 1972

Einige Daten und Ereignisse aus 100 Jahren Heimgeschichte

  • Bis 1945 schlafen die Kinder in großen Gruppenschlafsälen. Ab 1950 bestehen die Gruppen aus 15 Kindern mit einer Nonne, einer Mitarbeiterin und einer Hauswirtschaftskraft. Die Kinder schlafen überwiegend in 4-Bett-Zimmern.

  • Ab 1973 sind in einer Gruppe 12 Kinder mit einer Gruppenleitung, 2 Erzieher/innen, Jahrespraktikant/in und einer Hauswirtschaftskraft. Die Kinder schlafen überwiegend in 2-Bett-Zimmern.

  • Anfangs werden nur Kirchenfeste und Namenstage gefeiert. Später auch Karneval. 1949 besucht der erste Nachkriegs-Karnevalsprinz das Kinderheim.

  • Bis Anfang der Siebziger Jahre verbringen die Heimkinder ihre Sommerferien im Kloster Steinfeld in der Eifel. Direktor da Costa Gomez ermöglicht ihnen Ferien quer durch ganz Deutschland und in den angrenzenden Ländern. Er erlaubt auch Fahrradtouren bis nach Frankreich und Italien. Sogar in Spanien dürfen die Kinder in Urlaub fahren.

  • 1973 wird Heinz Freigang als Sportlehrer eingestellt. Er öffnet die sportlichen Aktivitäten auch für Sportstätten außerhalb des Kinderheims. – Maximale Belegung: 617 Kinder.

  • Ab 1977 versorgen sich die ersten Gruppen selbst. – Maximale Belegung: 596 Kinder.

  • 1980 wird die erste Gruppe von Kindern mit Benachteiligungen eröffnet. Die Heimschule wird als Sonderpädagogische Schule geführt.

  • 1990 ziehen 10 Kinder und 5 Mitarbeiter in die erste Außenwohngruppe in Lindenthal.

  • 1991 startet das Erzieherfamilienprojekt: Eine Erzieherin (mit Mann und Kind) nimmt drei Geschwisterkinder in ihren Haushalt auf. – Maximale Belegung: 350 Kinder.

  • 1999 schließt die letzte Säuglingsgruppe.

  • 2001 werden Zentralküche und Wäscherei geschlossen.

  • 2006 stimmt der Kölner Stadtrat dem Verkauf des Sülzer Geländes an Investoren zu.

  • Am 6. Juni 2013 erscheint die Chronik „Vom Kölner Waisenhaus zu Kids“.

Seit 2010 ist das Kinderheim einem Neubauquartier gewichen. Heute wohnen im neuen Wohnviertel überwiegend Familien mit Kindern.

Das neue Quartier auf dem alten Heimgelände

An die Hundertjährige Geschichte des Kinderheims erinnern die „Sülzer Findlinge“ der Künstlergemeinschaft osa, die der „Förderverein Erinnerungsorte Kinderheim Köln-Sülz e.V.“ (FEKS) geschaffen hat.

Die städtischen Kinderheime zogen im Mai 2012 mit ihrem Hauptsitz an die Aachener Straße und erhielten den Namen KidS, Kinder- und Jugendpädagogische Einrichtung der Stadt Köln. Heute bietet KidS Kindern und Jugendlichen Hilfen in einem Netzwerk von 23 Wohn- und Aufnahmegruppen an 14 Standorten.

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