vergeben, vergessen, verzeihen (Allgemein)

Werner1960 @, Dienstag, 28.12.2010, 11:19 (vor 5210 Tagen)

Hallo,

ich hatte am 21.12.2010 unter den Betreff Giesela eigene Erinnerungen ins Forum gestellt, diese aber am 27.12.2010 wieder gelöscht.
Lasst mich etwas ausholen:
Ich betone immer wieder, dass mein Aufenthalt im Heim, ich war ausschliesslich in Sülz, insgesamt positiv, überwiegend schön war. Die Jahre im Heim haben meinen Lebensweg geprägt. Ohne Heimaufenthalt wäre ich bei meiner Familie (Eltern Alkoholiker) untergegangen. Der Heimaufenthalt hat mir die Möglichkeit gegeben, einen Relschulabschluss zu absolvieren und eine Berufsausbildung abzuschliessen. Dafür bin ich dankbar. Bei meinen Eltern wäre ich, wie meine Schwester, über einen Sonderschulabschluss nicht hinaus gekommen. Ich bin nach wie vor in meinem erlernten Beruf tätig. Ich habe nur unwesentliche Zeiten der Arbeitslosigkeit erfahren.

Meine Heimzeit war, wie gesagt, weit überwiegend gut und schön. Weit überwiegend gut und schön heisst aber auch, dass es negative Erfahrungen gegeben hat. Hiervon hatte ich am 21.12.2010 berichtet.

Seit vielen Jahren treffe ich mich im Freundeskreis immer abends am 23.12. eines Jahres. Ursprünglich begann dies vor vielen Jahren als LAN-Party, heute werden die Notebooks zwar mitgebracht aber meist nicht "hoch gefahren". Am 23.12.2010 berichtete ich den Freunden von der hiesigen page und dem Forumsinhalt. Gemeinsam stöberten wir im Forum, hieraus entstand eine bis in den frühen Morgen andauernde Diskussion. Der Freundeskreis war an diesem Abned besetzt durch einen Maler, einen Sozialarbeiter, einer Journalistin, einer Köchin, einem Elektriker und einer Lehrerin. Alle Personen verstanden es nicht, dass im Forum Erzieherinnen, Nonnen u.a. mit ausgeschriebenen Namen genannt werden. Für mich sei die Sache doch mehr als dreizig Jahre her. Irgendwann sei auch ein Fehlverhalten "verjährt". Die Journalistin klärte uns auf, dass alle Straftaten, mit Ausnahme von Mord, in Deutschland und sonstigen zivilisierten Ländern verjähren. Irgendwann "sei es halt mal vorbei", Untaten vergeben und vergessen. Alle berichteten von unangenehmen Erfahrungen, bis hin zur ständigen Prügel, sexuellem Misbrauch und ungerechten Bestrafungen in ihrer Kindheit und Jugend. Die Eltern, die noch alle leben, hätten sich aber verändert, teilweise ausdrücklich ihre Erziehungsmethoden bereut. Deshalb müsse man vergeben, verzeihen und vergessen. Ich konnte mich dieser Meinung nicht anschliessen. Ich habe aber über die Feiertage nachgedacht und bin für mich zu dem Ergebnis gelangt: Vergessen nein, vergeben und/oder verzeihen ja.

Dies war Grund für mich, meinen Ertrag vom 21.12.2010 zu "bearbeiten". Ich bin wie meine Freunde zur Auffassung gelangt, dass Personen, auch wenn schon verstorben, hier nicht namentlich zu nennen sind. Auch der brutalste Erzieher muss die Möglichkeit der Änderung seines Lebens haben. Auch unangenehme Persönlichkeiten gehen irgendwann mal, wie hier berichtet, am Rollator. Ich kann nicht nach dreizig Jahren meine Erzieher noch zur Verantwortung ziehen. Viel weniger meine Mitbewohner, von denen ich im Kindesalter vermöbelt oder sonstwie angegangen wurde.

Werner 1960

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ewt @, Köln, Dienstag, 28.12.2010, 14:17 (vor 5209 Tagen) @ Werner1960

Stimme dir voll zu.Schön das du Freunde hast , wo du solch intimes, aus deinem Leben, ausdiskutieren kannst

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hütchen @, köln, Dienstag, 28.12.2010, 17:59 (vor 5209 Tagen) @ Werner1960
bearbeitet von hütchen, Sonntag, 19.04.2015, 09:36

Hallo Werner1960,

was das Vergeben, Vergessen und Verzeihen angeht, stimme ich dir zu.

Ich stimme aber nicht überein mit deiner (und der deiner Freunde) Meinung, dass Angestellte/ehem. Angestellte des Städt. Waisenhauses/Kinderheim Sülz nicht mit Vor- und Zunamen genannt werden sollen/dürfen.
Sie haben doch ihre Stelle freiwillig angetreten.

Ich meine damit, dass ich verstehen könnte wenn(ehem.) Heimkinder nicht mit vollem Namen genannt werden,
da sie nicht freiwillig ins Heim eingezogen sind
und evtl. in ihrem Erwachsenenleben nicht mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden wollen.
(obwohl ich auch das nicht so ganz nachvollziehen kann, aber da denkt eben jeder anders.)

Doch warum sollte der Name einer Person, die in einer öffentlichen/städtischen Einrichtung tätig ist, nicht genannt werden dürfen?

Sollte meine Meinung falsch sein, so wäre ich für eine unkomplizierte, einfache Erklärung dankbar.

--
Langzeitstudentin der Toleranz!

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Werner1960 @, Dienstag, 28.12.2010, 19:42 (vor 5209 Tagen) @ hütchen

Hallo hütchen,

danke für Deine Anmerkung. Ich erhebe nicht den Anspruch die eizig richtige Antwort gegeben zu haben. Ich respektiere Deine Meinung, bitte sie aber noch einmal zu überdenken.
Ich bin halt der Auffassung, dass Menschen sich in ihrem Leben ändern (können). Ihnen nach Jahrzehnten in Foren Fehlverhalten vorzuhalten ist m.E. nicht richtig. Ein solches Forum ist auch ein "Pranger", da ich beispielsweise durch Eingabe eines Namens bei Suchmaschinen auch auf dieses Forum geleitet werde.

Deine Argumentation, die Angestellten hätten ihre Stellen freiwillig angetreten ist für sich betrachtet sicherlich zutreffend. Nur....als die Leutchen anfingen gab es noch kein Internet, geschweige entsprechende Foren (Pranger).

Da ich nicht kompliziert denken kann, hoffe ich, unkompliziert geantwortet zu haben.:-)
Wünsch Dir einen schönen Abend

Werner1960

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hütchen @, köln, Dienstag, 28.12.2010, 20:30 (vor 5209 Tagen) @ Werner1960

tja,

da muss ich wohl wirklich noch mal denken.

danke dir aber für die tatsächlich verständliche, unkomplizierte antwort
(die ich mir eigentlich auch selbst hätte geben können)
und sende die wünsche zurück.
mo

--
Langzeitstudentin der Toleranz!

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Klaus Grube ⌂ @, Hellenthal, Mittwoch, 29.12.2010, 16:36 (vor 5208 Tagen) @ Werner1960

Lieber Werner,
deinen Bericht und auch die Aussagen der anderen habe ich mit grossem Intresse verfolgt.

Als Admin steht man täglich selbst in der Zwickmühle was man im Forum darf und was nicht. Auf keinen Fall darf diese Forum zu einen Pranger herhalten. Im wesentlichen sollte jeder Selbst über seine Erfahrungen berichten.

Tonis Aussage zu Pressefreiheit und Zeitgeschichte sind leider falsch. Zur Öffentlichkeit und Zeitgeschichte gehören nur die jenigen Personen an, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Mitarbeiter aus Sülz dürften kaum dazu gehören. Auch die Pressefreiheit hat seine Grenzen. Siehe hierzu das Thema Datenschutz im Netz.

Im Forum schreiben wir die ehemaligen Heimkinder nur mit Vornamen und den ersten Buchstaben seines Nachnamens an. Zum einen möchten viele nicht erkannt werden und zum zweiten aus Datenschutzgründen. Die Frage bleibt, ob Erzieherinnen öffentlich im Netz genannt werden dürfen. Meistens handelt es sich um Mitarbeiter die heute in Rente oder verstorben sind. Dies dürfte aber aus datechutzrechtlichen Gründen nicht vordergründig als Argument benutzt werden. Denn wer sich an mich schriftlich oder persönlich wendet und darum bittet das sein Name im Forum gelöscht wird, muss ich das auch machen.(An Theo: in manchen Presseartikeln steht oft zum Bericht - Name der Redaktion bekannt oder Name geändert!)

Wichtig ist aber dabei, dass aussenstehende mit Namen wie Gisela nichts anfangen können, wir schon und benutzen dieses auch nur im Zusammenhang um gemeinsam besser zu diskutieren. Das setzt aber vorraus das wir gewissenhaft mit den Namen ehemaligen Mitarbeitern umgehen und sie nicht am Pranger stellen oder gar beschuldigen. Das würde uns in jeder Hinsicht unglaubwürdig machen.
Vergeben, vergessen, verzeihen sind drei Begriffe die oft zusammenhängend genannt werden, aber einzeln genannt, etwas anderes für mich bedeuten.
Warum muss ein ehemaliges Heimkind verzeihen?
Warum muss ein ehemaliges Heimkind vergeben?
Warum muss ein ehemaliges Heimkind vergessen?

Ich persönlich hab schon vergeben. Aber Verzeihen und vergessen habe ich noch nicht. Ich muss mich bei keinem Rechtfertigen und um Verzeihung bitten. Und vergessen würde bei mir gleichbedeuten seine Biografie, seine Vergangenheit zu leugnen. Das kann ich aber nicht und darum schreib ich hier im Forum mit um zu Verstehen was damals mit uns geschah. Dabei suche ich keinen Schuldigen sondern das Gespräch. Und als solches verstehe ich das Forum aber auch aussenstehenden Lesern mitzuteilen wie es damals in Sülz war. Gut so das hier auch Geschichten stehen, dass es in Sülz, auch damals schöne Erlebnisse gab.

Ein Thema für den 8.1.2011? Ich bin gespannt...

--
Es gibt immer einen Weg zu uns allen - wir müssen es nur wollen
Mit lieben Grüßen euer Klaus
Internet: http://www.kinderheim-Koeln-suelz.de
Verantwortlich und Kontakt: https://kinderheim-koeln-suelz.de/?page_id=28

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bernd @, Bergisches Land, Mittwoch, 29.12.2010, 16:42 (vor 5208 Tagen) @ Werner1960
bearbeitet von bernd, Montag, 07.02.2011, 19:04

Hallo Werner
zuerst einmal möchte ich dich und deinen Freundeskreis beglückwünschen. Solch eine Vielzahl an Berufen und Lebenserfahrungen, vereint, offen, diskutieren, ist jedem zu wünschen. Das Ergebnis eueres Gespräches kann ich für mich, wegen der parallelen zu meinem Lebensweg nach vollziehen und gut heißen.
Hallo Ewt du stimmst voll zu? Ich möchte wiedersprechen, für andere.
Dass Kinder aus normalen Familien ebenfalls der Gewalt ausgesetzt sind und massive Störungen erfahren können ist bekannt, darum gibt es nun den § 8a SGB.
Es gibt, bei allen möglichen und konstruierten Parallelitäten, einem elementaren Unterschied in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, zwischen Pädagogen und „Klienten“. Dieser Unterschied nennt sich Bindung. Er ist so eklatant, das er lebensentscheidend ist. Entscheidend für zukünftige Beziehungen, für die Gestaltung des gesamten Lebens. Störungen und die daraus entstehenden Irrwege sind je nach Schädigung schwer zu korrigieren. Sie rauben Energien, die wo anderes verloren geht. Massive Bindungsstörungen, wie die Trennung von Kind und Mutter, zerrütten das was man Urvertrauen nennt - die Basis.
Selbst Kinder, die ihre Eltern hassen lieben ihre Eltern – ein spannendes und vielsichtiges Thema.
Bindungen konnten auch im Heim aufbauen werden, leider aber fehlt die grundlegende, klebrige, alles kittende, verbindende Substanz welche man Liebe nennt.
Das es Heimkinder am Ende doch noch schaffen könnte, kann, neben der eigen Kraft, auch der schönen Zeit im Heim zu verdanken sein oder den Wohlwollen eines einzelnen Menschen. Aber ich glaube in der Realität war das nicht selbstverständlich.
Warum erzähle ich das? Heimkinder haben oft mehrere Aufgaben zu lösen: Die eigene Familie, das Heimtrauma sowie einen Sinn in der eigenen Existenz finden.
Staat/Land/Gemeinschaft/Kirche, all diese Einrichtungen haben sich dieser Kinder angenommen – vordergründig. Das Versagen war groß. Familien können Unterstützung, Beratung und sonstige Hilfen in Anspruch nehmen oder aufgedrückt bekommen. Das ist also etwas anders.
Sind wir was besonders? Ja, im negativen Sinne. Denn es geht nicht um eine einzelne Tat, um ein einzelnes Versäumnis. Unsere Ausgangslage war übel, sie war kaserniert und organisiert, sie blieb im therapeutischen Sinne unbehandelt. Viele waren in diesen Strukturen ausgeliefert. Eltern kann ich zugutehalten das sie vielleicht selbst einmal Opfer waren –was bringt eine städtische Einrichtung als Entschuldigung vor? Das ist eben der Unterschied. Für den einzelnen, ob Heim oder Familie, stehen später die Möglichkeiten einer Heilung gleichermaßen zur Verfügung. Nur weil wir alle eine Therapie brauchen macht uns das nicht normaler oder gleicher.
Wie viel Opfer brauchen Jahre – Jahre um sich mit der Tat auseinander zu setzen. Wie viele richten sich selbst zugrunde weil sie sich in ihrem Elend nicht annehmen können, wie viel meiden Gespräche über die eigene Kindheit zB im Kollegenkreis? Warum ist ein Mord mehr „wert“ als ein zerstörtes, geschädigtes oder unheilbar verwundetes Leben.
Verstehen wir uns richtig, ich bin für Vergebung aber sie darf nicht von Staat aufgrund einer Rechtsprechung entschieden werden zumal der Staat auch hier eine Verantwortung zu tragen hat. Wenn solche Taten verjährt sind, ist das Opfer, wenn es sich dann endlich der Auseinandersetzung stellt allein. Eltern kann ich immer auf der Beziehungseben einholen, Erzieher (die bösen) nicht.
Ob ein an den Pranger stellen rechtes ist muss geklärt werden, ob es sinnvoll ist einen Täter endlich öffentlich zu benennen kann für den Einzelne ein erster sinnvoller Schritt zur Heilung sein. Auch das kann man klären.
Vergeben? - ich denke, dass dies eine zu tiefst individuelle Entscheidung ist. Eben diese Entscheidung sagt wann es vorbei ist.
bernd

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ewt @, Köln, Mittwoch, 29.12.2010, 17:27 (vor 5208 Tagen) @ bernd

Hallo Bernd,
Ja ich stimme dem voll zu.Die Argumente die du als Wiederspruch für andere aufführst,kann ich sehr gut nachvollziehen.Sie treffen aber auf mich nicht zu.
Ich hatte all die Jahre , die Bezugspersonen , die ich geliebt habe und wie ich glaube , die auch mich geliebt haben.Ich hatte halt "Epochenmütter", wenn ich das mal so bezeichnen darf.Klar gibt es Sachen die ich damals nicht gut fand.Sie sind mir aber irgendwann egal geworden.Dies ging nicht von heut auf morgen.Des öffteren stand ich in meinem Leben alleine da, weil ich keinen Menschen kannte.Ich hatte aber immer zwei Möglichkeiten.
Ich konnte entscheiden ob ich es dabei belasse oder etwas dagegen mache.Ich habe mich dann entschlossen das Positive aus meiner Heimzeit zu nutzen.Zu meinem Entschluß kam natürlich der "glückliche Zufall", das in diesem Moment eine Person kam , die mir weiterhalf.In manchen Situationen war es nicht immer einfach Hilfe anzunehmen, weil ich nicht gelernt hatte das man auch nehmen kann ohne zugeben.Ich habe es aber irgendwann mal gelernt und bei manchen Sachen lerne ich heute noch.Ich lebe gerade mal 54% Prozent meines Lebens nicht im Heim.Vieleicht stelle ich irgendwann in meinem Leben fest , das ich mich immer selbst belogen habe.An dem Tag werde ich mir dann sagen:" Mein Leben war geil, ich bin froh das ich mich so lang selbstbelogen habe und hoffe das es jetzt genau so geil bleibt".

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Inge @, Köln, Mittwoch, 29.12.2010, 20:20 (vor 5208 Tagen) @ ewt

Lieber ewt.,
deine Einstellung gefällt mir!
Hoffe doch sehr,das Du auch am 8.1.dabei bist!;-)
LG Inge

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yes we can...

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hütchen @, köln, Mittwoch, 29.12.2010, 20:31 (vor 5208 Tagen) @ ewt

es ist wahnsinn, wie positiv du alles siehst!
(das kann man nicht zufällig erlernen?)

da brauch ich dir noch nicht mal gute wünsche zu senden,
(für den fall der ernüchterung)
denn du bist ja fest entschlossen stroh in gold zu verwandeln.

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Langzeitstudentin der Toleranz!

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Inge @, Köln, Mittwoch, 29.12.2010, 20:15 (vor 5208 Tagen) @ bernd

Lieber Bernd,
einfach nur Genial!!!
Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht!
Du Verbalakrobat!!!:-D
GLG aus Kölle
Inge

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yes we can...

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